Anna Maria Island: eine schnuckelige Insel auf der jeder jeden grüßt

Wir sind einmal wieder in eine andere Welt eingetaucht, wie so oft in den letzten zwei Wochen. In dieser kurzen Zeit haben wir so vieles erlebt, dass ich spüre, dass mein Gehirn allmählich eine kleine Auszeit benötig, um diese Vielfalt und Intensität an Eindrücken überhaupt verarbeiten zu können. Diese Pause bekommen wir hier auf der kleinen Insel Anna Maria Island, wo alles irgendwie ein wenig gemütlicher zugeht. Nach den klassischen Fastfoodketten und Hotelburgen sucht man hier vergebens, stattdessen findet man zwischen den oftmals prächtigen Villen der Einheimischen jedemenge kleiner und hübsch gestalteter Ferienhäuser und auch viele nette Bars und Restaurants. Unser grünes, wirklich schnuckeliges Cottage mit wunderschöner, großzügiger Gartenanlage liegt in einer kleinen Nebenstraße, ungefähr 5 Gehminuten vom Strand „Holmes Beach“ entfernt, den wir fast jeden Nachmittag aufsuchen. 

Dieser Strand ist das absolute Kontrastprogramm zum Strand Fort Myers Beach. Hier trifft man nur wenige Menschen an, zuweilen ist er sogar fast menschenleer. Am Abend nimmt die Zahl der Besucher jedoch etwas zu. Viele machen einfach nur ihren allabendlichen Spaziergang, andere holen ihren Klappstuhl hervor, blicken auf das weite Meer und beobachten die auf Jagd gehenden Pelikane, die es hier so zahlreich gibt. Es sind immer wieder diesselben Menschen, auf die man hier trifft. Eine ältere, komplett in weiß gekleidete Dame habe ich jetzt den vierten Abend hintereinander gegrüßt, und sie hat mir zum vierten Mal mit einem Lächeln gesagt, wie lovely, handsome, precious, cute doch die zwei kleinen Kinder seien. Was auch immer die Menschen um diese Uhrzeit an diesem Strand machen, sie verfolgen doch alle dasselbe Ziel: sie wollen den Sonnenuntergang über dem Meer bestaunen, und der ist wahrlich zum Heulen schön!

Ich darf dieses Naturspektakel nun schon den vierten Abend in Folge genießen, und jedes Mal muss ich an ein Gedicht von Heinrich Heine denken, das mir mein Vater einmal vor knapp 30 Jahren – ist es wirklich schon so lange her – in mein Poesiealbum schrieb:

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Auch unser Sohnemann Robert ist ganz fasziniert vom allmählichen Eintauchen der Sonne ins Wasser, allerdings treibt ihn weniger die Schönheit dieses Momentes als vielmehr die Frage um, warum die Sonne auf einmal verschwindet und wohin sie denn um alles in der Welt nur hingeht. Und so tauche ich einmal wieder aus meiner romantischen Lyrikwelt in die rationale Welt der Naturwissenschaften ein und versuche zu erklären, dass die Sonne eigentlich gar nicht verschwindet, sondern dass sie einem das nur vorgaukelt und dass eigentlich die Erdrotation am Verschwinden der Sonne Schuld ist. Und dann versinke ich wieder in Gedanken und frage mich, ob ich wohl in sieben bis zehn Jahren auch noch solche oder ähnliche Fragen beantworten werde, oder ob mich dann der allwissende Dr. GOOGLE bereits wegrationalisiert hat. 

An den Stränden von Anna Maria Island gibt es neben traumhaft schönen Sonnenuntergängen auch sonst viel zu entdecken. Als ich den kleinen Ferdinand bei einem ausgedehnten Spaziergang einmal wieder in den Schlaf wiege, entdecke ich ein riesengroßes, äußerst beeindruckendes Meerestier -eine Krabbe.

Ein jugendlicher Einheimischer, der offensichtlich sofort erkennt, dass ich, die ich mit Baby im Sand kniee und dabei mit dem Handy fast die Krabbe streichle, der Gattung Tourist angehöre, stößt zu mir, nimmt das Scherentier ganz lässig in die Hand, dreht sie um, deutet dann auf unzählige orangefarbene Punkte am Unterleib der Krabbe hin und erklärt mir, dass das Tier schwanger ist. Ich bin fasziniert. Fasziniert bin ich aber auch von den unzähligen Möwen, die es hier gibt. Am zahlreichsten sind sie am sogenannten Bean Point, der nördlichsten Spitze von Anna Maria Island vertreten, wahrscheinlich weil hier fast gar keine Menschen anzutreffen sind – es ist fast unheimlich. Die Monotonie des Meeresrauschens wird hier fast ausschließlich vom Lärm der Möwenschreie unterbrochen.

An einem Abend habe ich das Glück, eine ganz besonders aktive Möwe beobachten zu dürfen, die sich vom Pulk der anderen Artgenossen abseilt, aufs offene Meer hinausfliegt, dann wieder zurückkehrt und schließlich genau vor mir und meiner allgegenwärtigen Kamera Halt macht. Diese Möwe erinnert mich sofort an Richard Bachs Möwe Jonathan, die sich in den kühnsten und waghalsigsten Flugkunststücken versucht, weil sie in der Perfektion des Fliegens den höheren Sinn des Lebens sieht und sich dadurch von ihren Artgenossen abgrenzt, für die das Fliegen ausschließlich für die Futtersuche wichtig ist. 

Wahre Meister der Flugkunst sind auch die riesigen, fast plump wirkenden Braunpelikane. Es ist fast unglaublich, wie elegant sie in einer Höhe von etwa 20 Metern über dem Meer durch die Luft gleiten, um dann urplötzlich im Sturzflug ins Meer zu stürzen, um sich einen Fisch zu schnappen.  

An unserem letzten Tag auf Anna Maria Island haben wir das Glück, zwei ganz besonders hungrigen Pelikane beim Jagen zuschauen zu dürfen. Fast immer gleiten und stürzen die beiden synchron, so dass sie fast wie Teilnehmer einer Olympiade im Synchronfliegen wirken.

 

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