Sawgrass Lake Park, Saint Petersburg: Noch mehr Alligatoren und eine Alibi-Schildkröte

Während der letzten zwei Wochen durften wir mehrfach die schöne Erfahrung machen, dass man mit Säugling und Kleinkind hier in Florida – wo das Meer und seine gigantischen Sandkästen wirklich nie weit weg sind – auch mehr machen kann, als nur riesengroße Sandburgen zu bauen. Wir hätten es nie für möglich gehalten, dass die Natur hier so vielfältig ist, und dass man mit Kindern hier, wo riesige Alligatoren, giftige Schlangen und Spinnen zu Hause sind, überaus reizvolle und langandauernde Unternehmungen in der Natur machbar kann und sich dabei nie unsicher fühlt. Da die letzten Wanderungen allen so gut gefallen haben, beschließen wir an einem Tag eine Strandpause einzulegen, um einmal wieder einen dieser schönen Naturparks hier zu besuchen. Von Anna Maria Island aus besichtigen wir den Sawgrass Lake Park, der mitten in Saint Petersburg, der viertgrößten Stadt Floridas liegt, die in etwa 40 Minuten von hier aus zu erreichen ist. Auf dem Weg dorthin überquert man eine gigantische, fast neun Kilometer lange Brücke, die sogenannte   „Sunshine Skywalk Bridge“. Diese aus dem Wasser ragende Brücke überspannt die gesamte Tampa Bay und verbindet die Städte Saint Petersburg und Terra Ceia. 

An diesem Tag ist es wahnsinnig heiß, doch die unendlich vielen Bäume im Park spenden ausreichend Schatten. Durch das gesamte Gelände führt zum Glück ein Holzsteg, so dass man den von Sümpfen durchzogen Park, sicher und entspannt besichtigen kann. 

Wir versuchen unserem großen Energiebündel gleich zu Beginn unserer Wanderung zu erklären, dass wir hier besser nicht Dino-Fangen spielen, sondern vielmehr versuchen wollen, in Katzenmanier über den Steg zu wandern, um uns so wenigstens die Möglichkeit zu bewahren, die hier ansässigen Gürteltiere und Waschbären zu Gesicht zu bekommen. Um es gleich vorwegzunehmen: Säugetiere haben wir hier leider gar keine entdecken können, und das lag sicherlich nicht nur daran, dass das leise Wandern nach wenigen Minuten Geschichte war, da wir ein „Tyranno – fängt -Brachio“- Spiel spielen mussten, um unseren  größeren Sohnemann bei Laune zu halten. Wahrscheinlich war es den meisten Tieren an diesem Tag einfach zu heiß, weshalb sie sich sicherlich fernab von irgendwelchen Menschen gut im Unterholz versteckt haben. Dafür bekommen wir aber etwas anderes, Unglaubliches zu sehen. Kurz bevor wir den großen Sawgrass See erreichen, entdecken wir direkt vor uns im Sumpfgebiet etliche junge Alligatoren. Irgendwie scheinen wir diese Tiere geradezu magisch anzuziehen.

Die Mutter der kleinen Reptilien liegt nur wenige Meter entfernt faul im Schatten.

Nach kurzer Zeit sind wir nicht mehr die einzigen Menschen, die diese agilen, kleinen Beisserchen aus nächster Nähe beobachten. Ich komme mit einem freundlichen, tätowierten Amerikaner mittleren Alters ins Gespräch – wie man hier so immer ins Gespräch kommt – der mich erst einmal über alle giftigen und gefährlichen Tiere Floridas aufklärt und mir dann eine nach der anderen Horror-Mensch – Tier- Geschichte auftischt. Er erzählt mir, dass ein Golfer vor einiger Zeit einen Arm verlor, als er seinen etwas verzogenen Ball aus einem Tümpel holen wollte, um die Anzahl der Strafschläge zu verringern. Ja, und dann rät er mir ganz eindringlich, niemals hier in Süßwasser- Seen schwimmen zu gehen, denn in diesen Seen müsse man immer mit einer Riesenechse rechnen. Eine schaurig, schöne Unterhaltung – mir gruselt. Eigentlich müsste diese Unterhaltung nur noch durch die Filmmusik aus „der weiße Hai “ untermalt werden, und zwar genau durch diese, wo der monströse, allesfressende Hai auftaucht: Tam Tam – Tam Tam –  Tam Tam (…). 

Glücklicherweise entdecken wir zum Schluss der Parkbesichtigung noch ein äußerst freundliches Tier, und zwar aus nächster Nähe:

Anna Maria Island: eine schnuckelige Insel auf der jeder jeden grüßt

Wir sind einmal wieder in eine andere Welt eingetaucht, wie so oft in den letzten zwei Wochen. In dieser kurzen Zeit haben wir so vieles erlebt, dass ich spüre, dass mein Gehirn allmählich eine kleine Auszeit benötig, um diese Vielfalt und Intensität an Eindrücken überhaupt verarbeiten zu können. Diese Pause bekommen wir hier auf der kleinen Insel Anna Maria Island, wo alles irgendwie ein wenig gemütlicher zugeht. Nach den klassischen Fastfoodketten und Hotelburgen sucht man hier vergebens, stattdessen findet man zwischen den oftmals prächtigen Villen der Einheimischen jedemenge kleiner und hübsch gestalteter Ferienhäuser und auch viele nette Bars und Restaurants. Unser grünes, wirklich schnuckeliges Cottage mit wunderschöner, großzügiger Gartenanlage liegt in einer kleinen Nebenstraße, ungefähr 5 Gehminuten vom Strand „Holmes Beach“ entfernt, den wir fast jeden Nachmittag aufsuchen. 

Dieser Strand ist das absolute Kontrastprogramm zum Strand Fort Myers Beach. Hier trifft man nur wenige Menschen an, zuweilen ist er sogar fast menschenleer. Am Abend nimmt die Zahl der Besucher jedoch etwas zu. Viele machen einfach nur ihren allabendlichen Spaziergang, andere holen ihren Klappstuhl hervor, blicken auf das weite Meer und beobachten die auf Jagd gehenden Pelikane, die es hier so zahlreich gibt. Es sind immer wieder diesselben Menschen, auf die man hier trifft. Eine ältere, komplett in weiß gekleidete Dame habe ich jetzt den vierten Abend hintereinander gegrüßt, und sie hat mir zum vierten Mal mit einem Lächeln gesagt, wie lovely, handsome, precious, cute doch die zwei kleinen Kinder seien. Was auch immer die Menschen um diese Uhrzeit an diesem Strand machen, sie verfolgen doch alle dasselbe Ziel: sie wollen den Sonnenuntergang über dem Meer bestaunen, und der ist wahrlich zum Heulen schön!

Ich darf dieses Naturspektakel nun schon den vierten Abend in Folge genießen, und jedes Mal muss ich an ein Gedicht von Heinrich Heine denken, das mir mein Vater einmal vor knapp 30 Jahren – ist es wirklich schon so lange her – in mein Poesiealbum schrieb:

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Auch unser Sohnemann Robert ist ganz fasziniert vom allmählichen Eintauchen der Sonne ins Wasser, allerdings treibt ihn weniger die Schönheit dieses Momentes als vielmehr die Frage um, warum die Sonne auf einmal verschwindet und wohin sie denn um alles in der Welt nur hingeht. Und so tauche ich einmal wieder aus meiner romantischen Lyrikwelt in die rationale Welt der Naturwissenschaften ein und versuche zu erklären, dass die Sonne eigentlich gar nicht verschwindet, sondern dass sie einem das nur vorgaukelt und dass eigentlich die Erdrotation am Verschwinden der Sonne Schuld ist. Und dann versinke ich wieder in Gedanken und frage mich, ob ich wohl in sieben bis zehn Jahren auch noch solche oder ähnliche Fragen beantworten werde, oder ob mich dann der allwissende Dr. GOOGLE bereits wegrationalisiert hat. 

An den Stränden von Anna Maria Island gibt es neben traumhaft schönen Sonnenuntergängen auch sonst viel zu entdecken. Als ich den kleinen Ferdinand bei einem ausgedehnten Spaziergang einmal wieder in den Schlaf wiege, entdecke ich ein riesengroßes, äußerst beeindruckendes Meerestier -eine Krabbe.

Ein jugendlicher Einheimischer, der offensichtlich sofort erkennt, dass ich, die ich mit Baby im Sand kniee und dabei mit dem Handy fast die Krabbe streichle, der Gattung Tourist angehöre, stößt zu mir, nimmt das Scherentier ganz lässig in die Hand, dreht sie um, deutet dann auf unzählige orangefarbene Punkte am Unterleib der Krabbe hin und erklärt mir, dass das Tier schwanger ist. Ich bin fasziniert. Fasziniert bin ich aber auch von den unzähligen Möwen, die es hier gibt. Am zahlreichsten sind sie am sogenannten Bean Point, der nördlichsten Spitze von Anna Maria Island vertreten, wahrscheinlich weil hier fast gar keine Menschen anzutreffen sind – es ist fast unheimlich. Die Monotonie des Meeresrauschens wird hier fast ausschließlich vom Lärm der Möwenschreie unterbrochen.

An einem Abend habe ich das Glück, eine ganz besonders aktive Möwe beobachten zu dürfen, die sich vom Pulk der anderen Artgenossen abseilt, aufs offene Meer hinausfliegt, dann wieder zurückkehrt und schließlich genau vor mir und meiner allgegenwärtigen Kamera Halt macht. Diese Möwe erinnert mich sofort an Richard Bachs Möwe Jonathan, die sich in den kühnsten und waghalsigsten Flugkunststücken versucht, weil sie in der Perfektion des Fliegens den höheren Sinn des Lebens sieht und sich dadurch von ihren Artgenossen abgrenzt, für die das Fliegen ausschließlich für die Futtersuche wichtig ist. 

Wahre Meister der Flugkunst sind auch die riesigen, fast plump wirkenden Braunpelikane. Es ist fast unglaublich, wie elegant sie in einer Höhe von etwa 20 Metern über dem Meer durch die Luft gleiten, um dann urplötzlich im Sturzflug ins Meer zu stürzen, um sich einen Fisch zu schnappen.  

An unserem letzten Tag auf Anna Maria Island haben wir das Glück, zwei ganz besonders hungrigen Pelikane beim Jagen zuschauen zu dürfen. Fast immer gleiten und stürzen die beiden synchron, so dass sie fast wie Teilnehmer einer Olympiade im Synchronfliegen wirken.